Packende Geschichten: Die gesunde Art und Weise für Glücksgefühle - Interview mit Jenna Kosig

Jenna Kosig wurde 1987 geboren und wuchs in Aachen auf. Obwohl sie schon immer eher der kreative, sprachbegeisterte Typ war, hat ihr bisheriger Werdegang erst spät angefangen, etwas mit dem Schreiben zu tun zu haben. Nach dem Abitur hat sie BWL studiert. "(...) Rückblickend hätte ich mir lieber etwas mehr Zeit zum Experimentieren und Ausprobieren nehmen sollen, (...). Aber das hole ich einfach jetzt nach." sagt die Autorin von "Totenfreund" über sich selbst. Während ihres Studiums verbrachte sie ein Praxissemester in Spanien und studierte ein Jahr an einer Uni in England. 

Wie es danach für sie weiterging und wie sie letztendlich zum Schreiben kam, verriet sie mir im Interview:

Wie ging es für dich nach deiner Zeit in England weiter? Wo kamst du dann mit dem Schreiben in Berührung?

Zurück in Deutschland fing ich an, neben dem Studium in einer Agentur für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zu jobben. Erst als Praktikantin, nachher als freie Mitarbeiterin. Da kam ich das erste Mal mit dem professionellen Schreiben in Verbindung. Am Ende des Studiums habe ich meinen heutigen Mann kennengelernt. Wir gründeten gemeinsam eine Firma für Filmproduktionen und arbeiten seitdem an Spielfilmen, Musikvideos und Werbung. Und auch wenn das ein kreativer Beruf ist, hat man bei Auftragsarbeiten nur wenig freie Hand zur Selbstverwirklichung. Daher jetzt mein erstes Buch.

Hast du denn irgendwelche Marotten oder Macken?

Meine Macken: Ich hasse es, zu spät zu kommen. Ich sollte besser nachdenken, bevor ich etwas angehe. Ich muss andauernd heulen, wenn ich etwas Trauriges oder etwas sehr Schönes im Fernsehen sehe oder in Büchern lese. Aber ich lerne, diese Eigenschaft an mir gut zu finden. Grundsätzlich sollte man alle Macken an sich gut finden - sie machen einem zu dem, der man ist.

Ist dir ein Buch oder ein Autor bisher ganz besonders im Gedächtnis geblieben? Und wenn ja, welches/welcher?

Es gibt tatsächlich gar nicht unbedingt die EINE schöne Erinnerung mit einem Buch oder einem Autor. Ich ertappe mich andauernd, wie mich Geschichten oder sogar einzelne Sätze zutiefst faszinieren. Weil sie einfach schön formuliert sind, weil sie Assoziationen schaffen, die einen tief ergreifen, weil sie eine fast magische Perfektion innehaben. Worte können eine unglaubliche Kraft und Macht haben.

Wie kamst du zum Schreiben? Wer hat (wahrscheinlich) die Leidenschaft für das Lesen und Schreiben bei dir geweckt?

Gelesen habe ich immer schon gerne und viel. Seit ich denken kann, spielen Bücher eine Rolle in meinem Leben. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich mir mit zwölf Jahren mal vorgenommen habe, ein Buch zu schreiben und die jüngste Bestsellerautorin der Welt zu werden. Ich habe vielleicht eine Seite geschrieben und dann aufgehört.

Die Begeisterung für Sprache und Worte war aber immer da. Letztlich ermutigt, das mit dem Schreiben mal auszuprobieren, hat mich mein Mann. Bei ihm habe ich zum ersten Mal gesehen, was es heißt, eine Passion für etwas zu haben. Für das, was du tust, Feuer und Flamme zu sein und dich ihm völlig hinzugeben. Das hat mich inspiriert. Das wollte ich auch. Also habe ich es mit dem Schreiben probiert. Und es scheint, als hätte ich tatsächlich eine Leidenschaft darin gefunden.

Hast du eine bestimmte Schreib-Routine oder einen Ablauf, nach der/dem du vorgehst?

Ich experimentiere da selbst noch rum. Bei Totenfreund habe ich mich anfangs tatsächlich einfach hingesetzt und drauf los geschrieben. Ohne Plan und kreuz und quer. Ohne dass ich wusste, was passieren und wie sich die Geschichte entwickeln sollte. Ich wusste nichtmal wer der Mörder sein soll. Ich habe mir nur vorgenommen, jeden Tag fünf Seiten zu schreiben, um erstmal eine Basis zu schaffen. Das hat auch ganz gut geklappt. Irgendwann bin ich natürlich an den Punkt gekommen, an dem ich mir etwas mehr Gedanken um die Logik und den roten Faden machen musste und ich habe nachher auch viel wieder umgeschrieben. Ich lerne also noch und werde beim nächsten Buch wahrscheinlich anders vorgehen. Vielleicht gibt es beim Schreiben auch keine Routine. Man ändert sich selbst ständig, von daher ist ein festes Schemata schwierig. Fest steht, man kann sich beim Schreiben nur schwer zu etwas zwingen. Manchmal setze ich mich hin, starre zwei Stunden fast bewegungslos auf den Bildschirm und stehe auf, ohne einen sinnvollen Satz geschrieben zu haben. Und manchmal kleben meine Finger an der Tastatur fest und es "fließt" einfach. Und das ist alles völlig in Ordnung so. Jeder muss für sich selber herausfinden wie es für sie oder ihn am besten klappt und es dann genau so machen - nur so kann eine gute Geschichte dabei herauskommen.

Wenn ich mir Gedanken zur Geschichte mache, setze ich mich gerne mit meinem Notizbuch nach draußen oder auch in ein Café und lasse mich von dem Trubel um mich herum inspirieren. Wenn es dann aber ans tatsächliche Schreiben geht, arbeite ich ganz klassisch am Computer. Auf jeden Fall immer mit dabei: Kaffee. Und Fachbücher. Ich hege den Anspruch, die Begebenheiten in meinen Geschichten so realistisch wie möglich darzustellen. Daher lese ich viel Fachliteratur über Kriminalbiologie und Forensik.

Am 13.12.2015 erschien dein erstes Buch - ein Thriller - "Totenfreund". Wieso hast du dich für dieses Genre entschieden und was reizt dich genau daran?

Ich habe in den letzten zehn Jahren selbst fast ausschließlich Thriller gelesen. Ich finde es äußerst spannend, wie die Kriminologie arbeitet. Wie uns die Rechtsmedizin und die Kriminalbiologie helfen können, Morde aufzuklären. Und natürlich sind auch die psychologischen Aspekte dahinter spannend. Was bringt einen Menschen dazu, zu morden? Wir streben ja alle immer irgendwie nach Verständnis. In erster Linie entspringt die Wahl des Genre also meiner persönlichen Vorliebe. Ich fühle mich in diesem Genre einfach am sichersten, weil ich es selbst viel konsumiert habe. Ich weiß wie kriminologische Geschichten für gewöhnlich aufgebaut sind und wie sie funktionieren. Bei einer Liebesgeschichte oder einem Fantasyroman wäre ich vollkommen aufgeschmissen.

Der Reiz an Thrillern kommt - und das wahrscheinlich nicht nur bei mir - daher, dass die Abgründe der Mörder in den Geschichten einem selbst so fern sind. Es geht also um Gegensätze, Gut und Böse. Und darum, was am Ende siegt. Und ob im wirklichen Leben oder in Geschichten, wir wollen das Gute gewinnen sehen. Bei Thrillern setzen wir uns ganz bewusst schmerzlichen Geschichten aus, fügen uns also künstlich "Sorgen" zu, um am Ende der Geschichte davon erlöst zu werden, wenn das Böse besiegt ist. Das ist ein bisschen wie bei Drogen. Man erzeugt einen Mangel, der eigentlich nicht da sein müsste, um ihn dann mit einem positiven Erlebnis befriedigen zu können. Spannende Geschichten sind aber die wesentlich gesündere Art und Weise, sich dieses Glücksgefühl zu verschaffen. :) In geringem Maße, kämpfen diese Gegensätze von Gut und Böse, Empathie und Egozentrismus, Offenheit und Verbitterung, ja auch in jedem Einzelnen von uns miteinander. Das ist etwas Urmenschliches. Vielleicht fühlen wir uns auch deshalb von Thrillern angezogen.

Was gab den entscheidenden Anstoß dazu, Davids Geschichte zu schreiben und schließlich zu veröffentlichen?

Es war mir ursprünglich nicht bewusst, aber ich selbst spiele eine viel größere Rolle in Davids Geschichte, als sie "nur" geschrieben zu haben. Wenn ich ehrlich zu mir bin, ist das Buch auch eine Auseinandersetzung mit mir selbst. Vielleicht eine Art Selbstherapie.

David ist im Grunde der typische Protagonist. Ein normaler Kerl mit guten Absichten, aber durch schwierige Lebensumstände gezeichnet. Er ist eben ein typischer Mensch. Auf abstrakte Weise kann sich jeder mit ihm identifizieren. Er hat schmerzhafte Dinge erlebt und steht nun vor der Wahl, sich von den Umständen in seinem Leben brechen zu lassen oder gestärkt aus ihnen hervorzugehen. Ich glaube, dass jeder von uns an diesen Punkt in seinem Leben kommt. Und ich war an eben genau diesem Punkt, als ich Davids Geschichte geschrieben habe.

Anfangs wollte ich einfach ein Buch schreiben. Es im besten Fall schaffen, vom Schreiben leben zu können. Im Endeffekt hat es mir aber auch geholfen, mich selbst besser kennenzulernen und zu verstehen, dass wir uns selbst und unsere Sicht auf unser Leben nicht über die Dinge definieren dürfen, die uns passieren. Was also gab den entscheidenden Anstoß dazu, Davids Geschichte zu schreiben? Ich nehme an, es musste einfach mal raus. :)

Was bedeutet es für dich persönlich jetzt eines deiner Werke zu verlegen und in die Welt zu lassen?

Das ist eine total spannende Zeit. Ein eigenes Buch zu veröffentlichen, bedeutet auch immer, etwas von sich selbst preiszugeben. Die Geschichte entspringt meinen Gedanken und das ist nunmal etwas sehr Persönliches. Es bedeutet außerdem, dass sich andere eine Meinung darüber bilden werden. Ich bin dadurch angreifbarer. Denn nicht immer wird das, was gesagt wird, schön sein. Das muss einem vorher schon bewusst sein. Auf der anderen Seite, ist es ein tolles Gefühl, positives Feedback zu bekommen. Ich freue mich immer wie ein kleines Kind, wenn mir ein Leser schreibt, dass er das Buch gut fand. Und es ist toll, zu hören, dass viele mehr von mir lesen möchten. Ich persönlich bin einfach stolz, es durchgezogen zu haben.

An was arbeitest du derzeit? Ein weiterer Thriller oder findet man dich bei deiner nächsten Veröffentlichung in einem anderen Genre?

Tatsächlich habe ich bisher noch nicht angefangen, an einem neuen Buch zu schreiben. Momentan versuche ich noch, mehr Leser für Totenfreund zu begeistern. Aber das nächste Buch wird auf jeden Fall kommen. Ob es wieder ein Thriller wird, oder sogar Davids Geschichte fortgeführt wird, weiß ich noch gar nicht so genau. Mein Herz schlägt nach wie vor für Thriller, aber ich bin auch Romanen ohne Morde nicht abgeneigt und hätte Lust, ein bisschen zu experimentieren. Tatsächlich habe ich auch schonmal über ein Kinderbuch nachgedacht - also das krasse Gegenteil zu einem Thriller. Ich will mich da gar nicht zu sehr einschränken und halte mir alles offen. Alles was mir Spaß macht, ist möglich.

Kannst du uns einen kleinen Ausblick - z.B. mit einem Auszug - auf eines deiner Projekte geben?

Da es noch keine neuen Texte gibt, hier eine meiner Lieblingsstellen aus Totenfreund:
"Es ist schon eine Weile her, dass ich hier auf dem Friedhof war, aber ich kenne den Weg in und auswendig. Ich bin ihn etliche Male gegangen. Ich biege hier und da ab, steige mal Treppen hinauf, um weitere an anderer Stelle wieder hinabzusteigen. Im Grunde ist es wie der Weg des Lebens: Mal biegt man ab, mal geht es rauf, mal runter und am Ende kommt man an einem Grab an."
Was rätst du jungen Autoren, die sich nicht sicher sind, ob sie ihr Werk veröffentlichen sollen?

Ein Buch zu schreiben ist ein großes Abenteuer. Man erschafft eine komplett neue Welt. Man gibt ausgedachten Personen eine Seele, man bringt sie zum Leben. Das ist keine einfache Sache. Auch wenn junge Autoren und Selbstverleger oft noch belächelt werden, unter ihnen finden sich einige sehr talentierte Schreiberlinge. Wer also den Mut und das Durchhaltevermögen hat, ein Buch bis zur letzten Seite durchzuziehen, der ist bereit für alles. Tatsächlich ist das Fertigschreiben der Geschichte die größte Hürde. Ihr habt ein Manuskript oder sogar eine bereits fertige Geschichte in der Schublade liegen und hegt den Wunsch, sie mit der Welt zu teilen? Dann los! Ihr fragt Euch, ob andere Eure Geschichte mögen werden? Das kann man nicht garantieren. Man wird es nie jedem recht machen. Aber jede Geschichte hat es verdient, erzählt zu werden.

Wenn du nicht schreibst oder liest, was machst du sonst noch in der Freizeit? Hast du noch andere Hobbys, bei denen du kreativ tätig bist?

Ich hab schon vieles ausprobiert. Malen, Stricken, Sticken, Seife sieden etc... Immer mal was Neues. Zu den Sachen, die mich bereits länger begleiten und geblieben sind, zählen Fotografieren, Yoga, Kochen und Meditieren. Gegen einen guten Film, ein unterhaltsames Videospiel und einen Abend mit Freunden, habe ich auch nie etwas einzuwenden. Und ich würde am liebsten die ganze Welt bereisen. Bis ans Nordkapp habe ich es schon geschafft.

Und noch kurz zum Abschluss: Gibt es ein Zitat oder einen Spruch, das/der dich schon längere Zeit begleitet und dich perfekt beschreibt? Wenn ja, wieso?
"If you stumble, make it part of the dance." (Wenn du stolperst, mach es zu einem Teil des Tanzes.)
Der Satz birgt eine Leichtigkeit, aber auch eine tiefe Wahrheit, finde ich. Das Leben ist nunmal nicht immer einfach. Oft wird es als Schwäche angesehen, wenn jemand "stolpert", anstatt es als Teil des Lernprozesses zu sehen. Wir sind Menschen, wir haben Macken, machen Fehler und fallen auch mal hin. Na und? Dann stehen wir halt wieder auf. Man darf da nicht so streng mit sich sein. Wir sollten unsere "Stolperer" viel mehr feiern.

Ich bedanke mich vielmals und ganz herzlich bei dir für das tolle Interview! Es hat mir viel Spaß gemacht!

Ich danke dir, liebe Sarah!



Alle News rund um Jenna Kosig und ihr Schaffen erhaltet ihr auf ihrer Website,  bei Facebook, Twitter, Instagram und Pinterest. Ihr packender Thriller "Totenfreund" ist seit dem 13.12.2015 bei Amazon erhältlich. 

Hier könnt ihr bereits in die Leseprobe reinschnuppern: 

CONVERSATION

2 Kommentare:

  1. Hi, ein sehr spannendes Interview. Besonders bei dem Absatz mit der Schreibroutine konnte ich zustimmend nicken, das sehe ich nämlich genauso. Dass es also immer unterschiedlich abläuft und das ja auch gar nicht so schlimm ist. Auch die Selbstreflexion der Autorin ist sehr interessant und hat mein Interesse für Thriller geweckt, obwohl ich ja eher anderen Genres zugeneigt bin und eigentlich noch nie einen Thriller gelesen habe. Muss ich unbedingt mal nachholen. Danke an Interviewerin und Interviewte dafür. :)

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    1. Hallo Mareike,
      ja Jenna und ich sind beide Fans der Selbstreflexion und finden, dass diese mittlerweile leider zu selten stattfindet. :)

      Ich habe auch schon länger keinen Thriller mehr gelesen, obwohl ich früher fast nur Thriller oder Krimi gelesen habe. "Totenfreund" hat mich an meine damalige Leidenschaft erinnert und ich bin froh darum, denn es ist so was ganz anderes als Fantasy oder Young Adult. :D

      Ich freue mich sehr, wenn dir das Interview gefallen hat und wir dir damit eine Freude machen konnten! <3

      Ganz liebe Grüße,
      Sarah

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